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Teil 2 zur DigiKon 2023

DigiKon Teil 2

Präsident Müller eröffnet am Nachmittag den zweiten Teil der Konferenz. In seiner Rede umreißt er den Rahmen. Die Einsatzmöglichkeiten von KI seien grenzenlos, der Fortschritt rasant. Die von der Bundesnetzagentur regulierten Sektoren profitierten zunehmend von Künstlicher Intelligenz.

Doch gingen mit der neuen Technologie auch Risiken einher. Er nennt beispielhaft die Stichworte deep fakes und Cyberangriffe. Die von der EU geplante KI-Verordnung (engl.: AI-Act) soll dem Rechnung tragen. Es herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass eine Regulierung notwendig ist. Jedoch nicht darüber, wie tiefgreifend sie sein soll.

Auf den Rechtsrahmen gehen auch die Teilnehmenden des ersten Panels ein. Alle? Nein, das wäre zu viel Harmonie für eine Diskussion, die das Publikum über eine Stunde fesseln soll. Die Vertreter aus den beiden Ministerien, BMDV und BMWK, betonen einhellig die Sinnhaftigkeit der Verordnung. „Wir sollten uns darüber im Klaren sein, was der AI-Act können soll. Wo wollen wir damit hin?“, sagt Frank Krüger aus dem Digitalministerium. „Die Verordnung wird jetzt so schnell kommen, dass sie nicht in allen Punkten genau sein kann. Deshalb bin ich für eine verpflichtende Selbstregulierung der einzelnen Mitgliedstaaten.“ Sein Kollege aus dem Wirtschafts- und Klimaschutzministerium, Michael Schultz, stimmt ihm zu. „KI ist Teil unserer Gegenwart – und wird noch mehr Teil unserer Zukunft sein. Die Verordnung muss dafür sorgen, dass KI nachhaltig ist. Und Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur Klimaschutz.“ Damit ist er beim Thema der Konferenz angelangt.

Nachhaltigkeit verbinden die Meisten wohl mit Wiederaufforstung der Wälder, mit Nachfüllseife oder Bambuszahnbürsten. Doch dieser Begriff, der sich im Zeitgeist-Repertoire etabliert hat, beinhaltet mehr als nur die ökologische Dimension. Außer der ökologischen gibt es noch die soziale und die ökonomische. Um alle drei wird es heute noch öfter gehen.

Die Frage, was der AI-Act soll, beantwortet Schultz kompakt: „Der AI-Act soll fördern, anreizen und einen verlässlichen Rechtsrahmen setzen. Gleichzeitig muss die KI-Regulierung die Grundlage für Zusammenarbeit auf nationaler und internationaler Ebene bilden. Wir brauchen Netzwerke, um mit KI im Wettbewerb bestehen zu können.“ Was er hier andeutet, ist der große Vorsprung der USA. Und damit liefert er das Stichwort für Jörg Bienert vom KI Bundesverband.

„Wir erleben einen iPhone-Moment“

Er ist als Mitgründer des Verbands ein Mann der Wirtschaft. Schnell wird klar, dass er eine andere Sicht auf das Thema hat. „ChatGPT war ein iPhone-Moment für die Welt.“ Er meint damit den Tag im Januar 2007 als Apple-Chef Steve Jobs der Welt das erste iPhone enthüllte. Jobs setzte, nein katapultierte damit einen Meilenstein in der Technologie-Geschichte. „Das US-amerikanische Unternehmen OpenAI, das den KI-basierten Chatbot entwickelt hat, hat einen hohen Standard gesetzt. Alle müssen sich daran messen. Wir sollten uns beeilen, um den Anschluss nicht zu verpassen.“ Bienert verschleiert seine Kritik an dem deutschen und europäischen Prozess nicht. „Wenn hier mal so viel Energie in Innovation gesteckt würde wie in Regulierung, wären wir schon viel weiter.“

Europa sei jetzt schon von den großen US-Konzernen wie Google, Meta oder Amazon abhängig. Das dürfe sich nicht bei KI fortsetzen. Vor allem ginge es dabei nicht nur um wirtschaftliche Abhängigkeit. „Wenn die USA den Markt der Künstlichen Intelligenz kontrolliert, bestimmen sie auch die ethischen Regeln.“ Nachdenkliche Gesichter bei den anderen Panel-Teilnehmenden. Der Verbandsvertreter setzt noch einen drauf: „Das Horrorszenario wäre, wenn uns die USA die Daten abstellen – so wie Russland das Gas. Aber das muss nicht sein. Wir sind in Deutschland weit vorne bei Forschung und Wissenschaft. Außerdem haben wir bald eine große Chip-Fabrik bei Magdeburg, also eine Hardware mit riesigem Zukunftspotenzial. Das sind beste Voraussetzungen. Wir sollten nicht nur bestehende Systeme optimieren, sondern innovativ werden. Das heißt natürlich vor allem: investieren und Regulierung zurückfahren.“

Transparenz vor Geschwindigkeit

Pegah Maham von der Stiftung Neue Verantwortung hat aufmerksam zugehört. Jetzt schaltet sie sich in die Diskussion ein. „Die USA verfahren nach dem Motto: Move fast and break things. Wir in Europa haben aus gutem Grund eine andere Tradition verankert. Wir denken über die Folgen nach, bevor wir voranpreschen. Es ist schwieriger, Fehler im Nachhinein wieder einzufangen. Und im Fall von KI können die verheerend sein.“ Vom AI-Act erwartet sie eine differenzierte Betrachtung. „Transparenz ist wichtig. Wir müssen wissen, welche Texte, Bilder, Videos KI-generiert sind. Wir brauchen ein Management, um das Risiko einzugrenzen. Aber natürlich soll Innovation entstehen.“

Die Runde diskutiert die Idee eines Leuchtturm-Projekts. Deutschland könnte ein KI-Rechenzentrum aufbauen und es mit einer großen Summe ausstatten. „Milliarden, nicht Millionen“, betont Bienert. Um diesen Leuchtturm würde dann ein KI-Ökosystem entstehen.

Flexibel regulieren, Kompetenzen stärken

Das ist auch die argumentative Stoßrichtung von Dr. Frauke Goll. Sie arbeitet am AppliedAI Institute for Europe. „Es liegen neue Industrien in KI, die wir an den Markt bringen, befördern müssen. Hier sprechen wir über ökonomische Nachhaltigkeit. Viele denken, KI würde Arbeitsplätze zerstören. Doch die Wahrheit ist, dass diese Technologie sinnvollere Beschäftigung ermöglicht, weil Menschen nicht mehr eintönige Dinge verrichten müssen.“ Goll hat noch einen Punkt. „Wir arbeiten daran, einzelne Unternehmen zu befähigen, digitale Kompetenzen einzusetzen. Aber nicht nur. Viele Menschen wissen gar nicht, welchen Nutzen sie von KI haben, wie sie sie anwenden können. Stattdessen fürchten sie sich davor, ihre Souveränität zu verlieren. Das müssen wir ändern.“

Und was wünschen sich die Fünf von der Politik? Frank Krüger vom BMDV sieht die Aufgabe des europäischen Rechts darin, Vertrauen zu schaffen. „Im AI-Act müssen Normen und Standards klar formuliert werden.“ Dr. Goll zielt auf den Erfolg von Netzwerken ab: „Es gibt viele gute Initiativen im Bereich Digitalisierung. Aber wenn Politik den Austausch zwischen den Akteuren anstößt, kommt es eher zu einem Transfer zwischen Wirtschaft, Forschung und Politik.“ Bienert setzt auf die Mündigkeit der einzelnen Bürgerinnen und Bürger. „Ein Generalverdacht gegen KI bringt uns nicht weiter. Politik muss aufklären: was kann KI und wozu ist sie gut? Es ist ohnehin unmöglich, jeden abwegigen Missbrauch einzukalkulieren, jede Eventualität zu regulieren.“

Pegah Maham sagt schließlich etwas, dem sich alle anschließen. „Regulierung muss sich der Entwicklung anpassen. Sie muss flexibel sein. Das ist die beste Möglichkeit, Künstliche Intelligenz demokratisch zu gestalten.“

KI in der Praxis: anschauen, diskutieren, mitmachen

Der spätere Nachmittag steht im Zeichen der Praxis. In drei Workshops erleben die Konferenz-Gäste, wie KI sehr konkret schon heute eingesetzt wird. Unter der Überschrift „Mitmachen“ arbeiten sie gemeinsam mit Dr. Saskia Dörr von der Beraterfirma Wiseway in Gruppen daran, ChatGPT in ein fiktives Unternehmen zu integrieren.

Idealerweise berücksichtigen sie dabei viele Aspekte: Stiftet die KI-Anwendung möglichst vielen Menschen Sinn, indem sie Lebens- und Arbeitsbedingungen verbessert? Sind die Risiken dem Ergebnis angemessen? Zielt sie primär darauf ab, Ressourcenverbräuche durch effizienten Ressourceneinsatz zu reduzieren? Haben wir einen Verhaltenskodex erstellt, der ethische Grundsätze für die Entwicklung und Nutzung unserer KI-Anwendung festlegt?

In einem anderen Raum verfolgt das Publikum eine Diskussion, an der es sich später auch beteiligt. Leonie Behrens von der Firma Carbon Freed erklärt, wie sie Anlagezertifizierung mit Hilfe von KI beschleunigt. Die eigens trainierte KIGridcert“ hilft bei der Erstellung aller für die Anlagenzertifizierung erforderlicher Unterlagen. Wer zum Beispiel eine Photovoltaik-Anlage anschließen möchte, weiß um den kaum zu bewältigenden Aufwand, den zahllose Formulare mit sich bringen.

Allein die etwa 900 Netzbetreiber haben so viele verschiedene Anforderungen, ganz zu schweigen von den Auflagen der involvierten Behörden. Die KI wurde größtenteils mit den Daten der Kundinnen trainiert. Zehn KI-Entwickler arbeiten eng mit Elektroingenieuren zusammen. So gelingt es Carbon Freed in der Rekordzeit von 14 Tagen eine PV-Anlage zertifizieren zu lassen. Diese Effizienzgewinne beschleunigen die Energiewende – und motivieren diejenigen, die KI als Schlüssel zu mehr Nachhaltigkeit erkannt haben.

Der dritte Workshop mutet wie eine Ausstellung an. Die Interessierten bekommen hier den Einsatz von KI vorgeführt. Dicht gedrängt stehen sie vor sehr analogen Stellwänden. Sie betrachten Bilder und Grafiken. An ihnen demonstrieren eine Firma und zwei Behörden aktuelle Projekte. Allen ist gemein, dass sie auf die Fähigkeiten und Möglichkeiten von KI zurückgreifen.

Da ist zum Beispiel das KI-Lab des Umweltbundesamtes, das zusammen mit dem Bundesamt für Strahlenschutz einen Chatbot entwickelt hat. Im Falle einer Katastrophe beantwortet er Fragen aus der Bevölkerung. Viel besser als eine statische Website kann die KI auf die Sorgen und Unsicherheiten der Menschen eingehen und wichtige Informationen liefern. Dabei soll sie keinen Menschen ersetzen, sondern die Hotline entlasten. In einer echten Notfallsituation soll sie „Erste Hilfe“ leisten.

Auch für das Bundesamt für Naturschutz hat das KI-Lab des Umweltbundesamtes etwas entwickelt. Bei der Suche nach illegal gehandelten Tieren lässt es sich vom KI-Labor des Umweltbundesamtes unterstützen. Diese Art von Online-Handel ist ein lukrativer, aber krimineller Markt. Die KI durchsucht die einschlägigen Plattformen nach geschützten, gefährdeten oder gefährlichen Tieren. Eine Arbeit, die für Menschen ungleich aufwändiger wäre. So aufwändig, dass bisher viele Händler mit krimineller Energie ungestört und ungesehen blieben. Jetzt aber kann das Amt dank der Ergebnisse der KI direkt eingreifen. Es gibt der Polizei gezielt Hinweise auf Käufer und Verkäufer. Das verbotene Geschäft hat ein Ende.

Expertise am Kaminfeuer

Am Abend versammeln sich alle um den Kamin. Aus Gründen der Nachhaltigkeit und profanen Versicherungsgründen verbietet sich ein echtes Feuer auf der Bühne des Konferenzsaals. Aber dank der charmanten Moderation von Andrea Korr, zuständig für Nachhaltigkeitsthemen im Digitalisierungsreferat für KMU, hört das Publikum mit geschlossenen Augen es knistern und knacken.

Beim Fireside-Chat sprechen zwei Expertinnen und ein Experte über Perspektiven der Nachhaltigkeit. Stephanie Hotz vom Umweltbundesamt, per Video zugeschaltet, arbeitet im KI-Lab ihrer Behörde. Qua Funktion ist die ökologische Nachhaltigkeit ihr Thema. „Unser Ziel ist ist, Wissen und Lösungen für die Nachhaltigkeits-Dekade zu entwickeln“, sagt sie. Sie versteht sich als Schnittstelle zwischen Daten und Anwendungen. Ihr geht es um die Perspektive der Nutzenden. Dafür ist sie im engen Austausch mit ihnen.

Prof. Dr. Thomas Alexander ist die Stimme der sozialen Nachhaltigkeit. „Wir reden schon den ganzen Tag über Daten“, sagt er. „Aber vergessen wir nicht, dass dahinter Menschen stehen.“ Er arbeitet beim Bundesamt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. „Der Mensch ist nicht nur Datenlieferant, sondern auch Nutzer.“ Naturgemäß richtet sich sein Blick auf die Arbeitsbedingungen. „Was wir brauchen, ist ein gerechter und barrierefreier Zugang zu KI. Sie muss eine sichere und gesunde Arbeitsgestaltung ermöglichen.“

Der dritte Gast am Kamin ist Dr. Vera Demary. Als Mitarbeiterin am Institut der deutschen Wirtschaft Köln steht sie für die ökonomische Nachhaltigkeit. Sie zitiert eine Umfrage, nach der etwa zwanzig Prozent der deutschen Unternehmen KI einsetzen. „Viele erkennen KI noch nicht als Mittel, Probleme zu lösen. Es gibt Unmengen von Daten in den Unternehmen. Aber oft fehlt es an der Kompetenz, die auch mit KI zu verarbeiten und zu analysieren.“ Allerdings weist sie auch darauf hin, dass die Effizienzsteigerung durch KI immer mit ihrem Energieaufwand ins Verhältnis gesetzt werden muss. Wie so oft in der Wirtschaft geht es auch hier darum, Kosten und Nutzen gegeneinander abzuwägen.

Prof. Alexander schließt das Gespräch mit einem ermutigenden Plädoyer. „Wir werden nie verstehen, wie KI zu ihren Ergebnissen kommt. Dieser Unkenntnis sollten wir uns bewusst sein. Es bleibt aber unsere Entscheidung, wie wir mit dem Ergebnis umgehen. Wir sollten das Vertrauen in uns selbst nicht an eine Technologie abgeben – und sei sie auch noch so schlau.“

Am Ende sind alle erfüllt von Eindrücken, neuem Wissen, Erkenntnissen und immer wieder auch Gesprächen. Denn das war auch eines der ausgerufenen Ziele der Konferenz: Vernetzt euch! Das ist ohne Zweifel gelungen. Um die angestrengten Köpfe zu entlasten, gibt es zum Schluss Getränke, Fingerfood und einen Science-Slam. Zur großen Erheiterung aller erzählt Luca Neuperti etwas von KI, Katzen und Guacamole. Die Teilnehmende nehmen ein Lächeln mit in die abendlichen Gespräche eines langen und aufschlussreichen Tages. Und sie tauschen nochmals Kontakte aus, um in einem nachhaltigen Dialog zu bleiben.

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