Netzent­gel­te neu den­ken

Warum sich auch Eigenversorger an den Kosten beteiligen sollen

Eine Frau sieht aus dem Dachfenster ihrer Wohnung. Auf dem Dach sind Photovoltaik-Module zu sehen.

Netzkosten fair verteilen

Betreiben Sie eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach Ihres Hauses? Dann sollten Sie hier weiterlesen. Denn die Bundesnetzagentur plant Änderungen bei den Netzentgelten, die Sie betreffen.

Die neuen Regelungen werden ab 2029 greifen. Ziel der Reform ist es, die Netzkosten besser zu verteilen. Diejenigen, die eine Photovoltaik-Anlage auf ihrem privaten Hausdach betreiben und den erzeugten Strom selbst verbrauchen – also sogenannte „Prosumer“ (Wortschöpfung aus Producer und Consumer) – nehmen die Versorgungsmöglichkeiten des Netzes ebenso in Anspruch wie „normale“ Haushaltskundinnen und -kunden ohne eigene Erzeugungsanlage. Prosumer verursachen die gleichen Netzkosten wie andere Verbraucherinnen und Verbraucher auch, müssen aber wegen der geringeren Entnahme bisher deutlich weniger zahlen. Diesen Effekt wollen wir etwas dämpfen. Prosumer müssen damit rechnen, künftig bis zu hundert Euro im Jahr zusätzlich für die Netznutzung zu zahlen. Damit bleiben sie immer noch unter der Netzentgeltrechnung eines reinen Verbraucherhaushalts. Im Ergebnis werden nicht mehr Kosten auf die Haushalte verteilt, sondern der Anteil der Netzkosten in der Niederspannung, der auf Haushalte entfällt, wird anders verteilt: er orientiert sich stärker an den tatsächlichen Netzkosten. Wer ein Balkonkraftwerk installiert hat, ist von der Änderung ausgenommen.

Auf den ersten Blick erscheint das Manchen als ungerecht. Die Solaranlage hat viel Geld gekostet. Diese Investition war für viele Hauseigentümerinnen und -eigentümer eine bewusste Entscheidung. Neben den Einsparungen, die die Paneele aber oft erst nach vielen Jahren amortisieren, gab es ideelle Gründe. Eigenen Solarstrom zu produzieren bedeutet, Teil der Energiewende zu sein und sich unabhängig von fossilen Energieträgern wie Gas zu machen. Die Aussicht, nun höhere Netzentgelte zahlen zu müssen, mag ärgerlich sein. Deshalb möchten wir hier erklären, warum die Bundesnetzagentur diesen Vorschlag macht. Denn: Wir haben nichts gegen Prosumer, vielmehr haben wir großes Interesse am Gelingen der Energiewende.

Zuverlässige Stromversorgung jederzeit

Derzeit zahlen Haushaltskundinnen und -kunden Netzentgelte vor allem für die aus dem Netz bezogene Strommenge. Wer einen erheblichen Teil seines Strombedarfs selbst erzeugt, bezieht weniger Strom aus dem Netz und zahlt entsprechend geringere Netzentgelte. Gleichzeitig wollen aber auch die Prosumer mit eigener Stromerzeugung zuverlässig versorgt sein, wenn die Sonne nicht scheint und der Speicher entladen ist. Dafür steht das Netz das ganze Jahr über bereit – unabhängig davon, wie viele Kilowattstunden tatsächlich aus dem Netz bezogen werden. Wichtig ist hierbei: Die Kosten für das Netz werden ganz wesentlich von der Vorhaltung des Anschlusses in einer bestimmten Kapazitätsgröße getrieben, ganz unabhängig davon, ob oder in welchem Umfang dieser Anschluss tatsächlich genutzt wird.

Es entsteht eine Verteilungsfrage: Wenn sich ein wachsender Teil der privaten Haushalte teilweise aus der Finanzierung der Netzinfrastruktur zurückzieht, steigen die Kosten für diejenigen, die keine eigene Erzeugungsanlage betreiben können. Besonders betroffen wären Mieterinnen und Mieter sowie Haushalte mit geringeren Einkommen. Eine faire Finanzierung der Netze muss aber sicherstellen, dass die Kosten nicht einseitig auf bestimmte Gruppen verlagert werden.

Die Diskussion über eine stärkere Beteiligung privater PV-Anlagenbetreiber an den Netzkosten ist daher keine Debatte gegen die Energiewende. Im Gegenteil: Sie ist notwendig, um die Akzeptanz der Transformation langfristig zu sichern. Denn unser Energiesystem verändert sich. Erzeugung wird flexibler und dezentraler, die Elektrifizierung nimmt zu. Das erfordert eine Verteilung der Kosten, die diesen Realitäten gerecht wird.

Detaillierte Vergleichsrechnungen finden sich in der Präsentation der Bundesnetzagentur vom 27.05.2026 auf Seite 70. Darüber hinaus bleiben die Einsparungen durch die Eigenversorgung unangetastet. Der entscheidende Vorteil bleibt: Der selber erzeugte Strom ist billiger als die immer teurer werdende fossile Energie. Es ist ein Beitrag zum Klimaschutz.

PV macht den Netzbetrieb nicht billiger

Es geht ausdrücklich nicht darum, private Investitionen in erneuerbare Energien auszubremsen. Aber das Stromnetz kostet nicht weniger, wenn weniger Kilowattstunden aus dem Netz bezogen werden. Das Netz ist weiterhin jederzeit für alle da. Im Gegenteil: Die Anforderungen an Netzsteuerung, -digitalisierung und -ausbau steigen weiter an.

Es passt zu einem zukunftsfähigen System, künftig stärker zwischen der tatsächlichen Nutzung des Netzes als Infrastruktur und dem reinen Energieverbrauch zu unterscheiden.

Die Reform der Bundesnetzagentur sieht vor, die Finanzierung der Netze breiter aufzustellen und sich mehr daran zu orientieren, wo Kosten entstehen. Dafür gibt es Instrumente wie Grundpreis, Arbeitspreis und Kapazitätspreis. Wenn Sie das genauer wissen wollen, können Sie hier weitere Informationen finden.

Die Energiewende ist ein Gemeinschaftsprojekt. Sie gelingt nur, wenn sich alle beteiligen und niemand abgehängt wird. Die Neuregelung der Netzentgelte ist ein notwendiger Schritt hin zu einem resilienten, fairen und zukunftsfähigen Energiesystem.

Hintergrund

Vor über zwanzig Jahren wurde festgelegt, wer Netzentgelte zahlt und wie hoch sie sind. Netzentgelte machen heute etwa 30 % der Stromkosten privater Haushalte aus. Es geht um ein Volumen von rund 37 Milliarden Euro pro Jahr. Nun befinden wir uns aber mitten in der Transformation des Energiesystems. Wir wollen weg von fossilen Energien hin zu erneuerbaren. Erzeugung und Verbrauch haben sich verändert. Der Ausbau der Netze geht gut voran, es fehlt aber auch noch viel. Die Netz-Infrastruktur muss modernisiert, vor allem digitalisiert werden. Wir brauchen Batteriespeicher – es fehlt der Platz, um alle Veränderungen hier aufzuzählen. Klar ist aber: All das kostet viel Geld. Die Übertragungs- und Verteilernetzbetreiber rechnen zum Beispiel mit Investitionen bis 2045 von etwa 600 Milliarden Euro.

Die bisherige Netzentgelt-Systematik, so das Fachwort, passt nicht mehr zu den Herausforderungen von heute und morgen. Also hat die Bundesnetzagentur eine tiefgreifende Reform auf den Weg gebracht. Sie heißt AgNes und steht für „Reform der Allgemeinen Netzentgeltsystematik Strom“.

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